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1.867 Kilogramm Todesfalle geborgen

1.867 Kilogramm Todesfalle geborgen

Sea Shepherd birgt größtes Geisternetz seiner Geschichte aus der Ostsee

Acht Tauchgänge, zwei Tage, ein Rekord: Die Crew der BALTIC SEA CAMPAIGN holt vor Bornholm ein noch voll fangfähiges Hochseeschleppnetz vom Meeresgrund

Vor der dänischen Insel Bornholm hat die Crew von Sea Shepherd Deutschland das bislang größte Geisternetz geborgen, das die Organisation je aus der Ostsee geholt hat. Es wog 1.867 Kilogramm. Die Bergung zog sich über zwei anstrengende Einsatztage und acht Tauchgänge hin. Bei dem Fund handelt es sich um ein Hochseeschleppnetz, das sich vermutlich seit Jahren im Wasser befand, aber noch immer uneingeschränkt fangfähig war.

Schwerstarbeit am Meeresgrund

Für die Taucherinnen und Taucher der BALTIC SEA CAMPAIGN bedeutete die Bergung Schwerstarbeit unter Wasser: Das fast zwei Tonnen schwere Geflecht aus Netzresten, Leinen und Auftriebskörpern hatte sich fest im Meeresgrund und an einem Schiffswrack verkeilt und musste in mühsamer Handarbeit Stück für Stück gelöst, durchtrennt und an die Oberfläche gebracht werden.

Florian Stadler, Kampagnenleiter von Sea Shepherd Deutschland, ordnet den Fund ein:

„Das Netz war nicht einfach nur groß und schwer, sondern ein Zeugnis davon, mit welcher brachialen Gewalt Schleppnetze den Meeresboden umpflügen und alles, was sich darauf befindet, zermahlen. Dieses hier hatte sich in ein Schiffswrack verkeilt, weshalb es mehrere Tage harte körperliche Arbeit gebraucht hat, es überhaupt zu bergen.“
1.867 Kilogramm Todesfalle geborgen

Eine unsichtbare Todesfalle

 Geisternetze sind verlorene oder absichtlich zurückgelassene Fanggeräte, die im Meer weiterfischen, ohne dass die Fänge je wieder eingeholt werden. Da die Netze meist aus widerstandsfähigen Kunstfasern bestehen, zersetzen sie sich im Meerwasser nur extrem langsam, oft über Jahrzehnte hinweg. In dieser Zeit verfangen sich immer wieder Fische, Schweinswale, Robben, Seevögel und andere Tiere darin, ohne Chance auf Rettung. So kann ein einziges Netz über Jahre hinweg Tag für Tag neue Opfer fordern – lautlos, unkontrolliert und unbegrenzt.

Florian Stadler bringt es auf den Punkt: „Bevor es geborgen wurde, war es eine vergessene Todesfalle, die täglich Fische, Schweinswale und Robben töten konnte. Ursprünglich wurde es als Fanggerät gegen die Meeresumwelt eingesetzt, um Profit zu generieren. Jetzt hat es einfach weiter getötet.Hinzu kommt eine zweite, schleichende Gefahr. Durch den ständigen Zug der Strömung, die UV-Einstrahlung in flacherem Wasser und den mechanischen Abrieb am Meeresboden oder an Wracks zerfasern die Netze über die Jahre in immer kleinere Teile, bis schließlich Mikroplastik entsteht. Diese Partikel verteilen sich im gesamten Wasserkörper und werden von Fischen, Muscheln und anderen Meeresbewohnern aufgenommen. Auf diese Weise gelangen sie in die gesamte Nahrungskette, bis zum Menschen.

Ein einzelnes Geisternetz ist damit nicht nur eine Falle für große Tiere, sondern über Jahrzehnte hinweg eine kontinuierliche Quelle für Mikroplastik, das sich, einmal freigesetzt, nicht mehr zurückholen lässt. Je länger ein Netz im Wasser bleibt, desto mehr dieser Fasern gehen unwiederbringlich verloren. Das ist ein weiterer Grund, warum jede Bergung zählt, bevor der Zersetzungsprozess weiter fortschreitet.

Zerstörung, die schon vor dem Verlust beginnt

 Geisternetze sind allerdings nicht die einzige Gefahr für die Meeresumwelt. Auch aktive Schleppnetze verursachen massive Schäden. Das liegt unter anderem am Beifang: Schleppnetze fangen nicht selektiv, sondern alles, was sich vor der Netzöffnung befindet und nicht rechtzeitig entkommen kann – neben den Zielfischarten auch möglicherweise bedrohte Fischarten und zahlreiche andere Tiere wie Delfine, Schweinswale und Robben.

Besonders Grundschleppnetze, also Schleppnetze, die mit brachialer Gewalt über den Meeresboden gezogen werden, richten erheblichen Schaden an. Die schweren Zuggeschirre mit Ketten, Dredgen, Baumkurren oder Grundleinen pflügen den Meeresboden um und zermahlen alles auf ihrem Weg. Dabei werden Muschel- und Seegrasbänke zerstört, Riffstrukturen zerbrochen und ganze Bodenlebensgemeinschaften auf einen Schlag vernichtet. Sensible Meeresböden können so für Jahrzehnte oder sogar dauerhaft geschädigt werden. Aufgewirbeltes Sediment und Nährstoffeintrag trüben zudem das Wasser ein, verschlechtern die Lichtverhältnisse für Unterwasserpflanzen und können sogar zu Sauerstoffmangel oder Totzonen führen.

Darüber hinaus zeigen Studien, dass beim Umpflügen schlickhaltiger Meeresböden, die es besonders in Nord- und Ostsee in großem Umfang gibt, eine erhebliche Menge an bereits eingelagertem Kohlenstoff freigesetzt wird. Gleichzeitig wird die Fähigkeit des Meeresbodens, erneut Kohlenstoff einzulagern, massiv reduziert.¹

Verliert ein Fischer dann noch sein Gerät im Wasser, wirkt es als Geisternetz genau in denselben empfindlichen Lebensräumen weiter, die es zuvor schon geschädigt hat. Durch die Bergung wird dieser Kreislauf für dieses eine Netz durchbrochen.

„Mit der Bergung dieses gewaltigen Netzes endet die zerstörerische Kraft dieses Fanggeräts ein für alle Mal. Jedes Netz, das aus dem Meer verschwindet, ist ein Gewinn für ein Ökosystem, das ohnehin massiv bedroht ist. Wie viele Leben wir damit vor einem sinnlosen Tod bewahrt haben, können wir nicht genau sagen. Aber wir wissen: Mit dieser Arbeit haben wir einen Beitrag zum Schutz unserer Ostsee und ihrer Bewohner geleistet. Die insgesamt 35.000 Kilogramm geborgener Netze im Rahmen dieser Kampagne haben schon jetzt einen echten positiven Effekt“

Florian Stadler

Ein Silberstreif ist jedoch am Horizont erkennbar. Seit dem 26. Dezember 2024 gelten neue Fischereimanagementmaßnahmen für die sogenannte „mobile grundberührende Fischerei“ in den deutschen Meeresschutzgebieten der Ausschließlichen Wirtschaftszone der Ostsee. Grundlage hierfür ist die Delegierte Verordnung (EU) 2024/2943. Wenn auch nur in Teilen, so ist der Fang mit Grundschleppnetzen dort nun ganzjährig verboten.²

Dennoch sind die ausgewiesenen Meeresschutzgebiete im Verhältnis zum gesamten Lebensraum der Ostsee winzig. Wir fordern daher weiterhin eine Ausweitung der Fischereiverbotszonen, um sichere Rückzugsorte und Laichgebiete für die bedrohten Tierarten der Ostsee zu schaffen.

1.867 Kilogramm Todesfalle geborgen

Sea Shepherd gibt nicht auf

Mit dieser Rekordbergung endet der Einsatz der BALTIC SEA CAMPAIGN vor Bornholm. Die geborgenen Netzteile werden fachgerecht zerlegt und entsorgt, die Crew bricht zum nächsten Einsatzort auf. „Die BALTIC SEA CAMPAIGN hat schließlich erst Halbzeit“, so Florian Stadler.

¹ Zhang, W. et al. (2024). Long-term carbon storage in shelf sea sediments reduced by intensive bottom trawling. Nature Geoscience, 17, 846–852. https://doi.org/10.1038/s41561-024-01581-4

² BfN: Regulierung der Fischerei in den deutschen Meeresschutzgebieten Ostsee. https://www.bfn.de/daten-und-fakten/regulierung-der-fischerei-den-deutschen-meeresschutzgebieten-ostsee