Zum Inhalt springen
News·5 Min. Lesezeit

Färoer: Erster Grind, kaum noch Rechtfertigung

Färoer: Erster Grind, kaum noch Rechtfertigung

Am 4. Mai fand auf den Färöern das erste Grind des Jahres statt. In Sandavágur wurden dabei mehr als 125 Grindwale und einige Atlantische Weißseitendelfine in seichte Gewässer getrieben und getötet.

Ein Kommentar von Valentina Crast, Kampagnenleiterin OPERATION LIVING FJORDS. Alle Fotos stammen von Sea-Shepherd-Crewmitgliedern vor Ort.

Das erste Grind des Jahres 2026

Freiwillige von Sea Shepherd waren vor Ort und haben die Treibjagd dokumentiert. Unser Ziel bleibt klar: Fakten festhalten, das Bewusstsein auf den Färöern schärfen und das Thema in die internationale Öffentlichkeit tragen. Eine Öffentlichkeit, die wirtschaftlich, politisch und gesellschaftlich mit den Färöern verbunden ist.

Die Dokumentation des Grinds wird zunehmend erschwert

Sea Shepherd arbeitet innerhalb des geltenden Rechts der Färöer. Unsere Freiwilligen halten sich an alle Vorschriften und machen von ihrem Recht Gebrauch, öffentliche Vorgänge zu beobachten und zu dokumentieren.

Doch die Realität sieht anders aus: Die Beteiligten des Grinds versuchen immer häufiger, uns systematisch die Sicht zu versperren, uns vom Ort des Geschehens fernzuhalten oder uns einzuschüchtern. Freiwillige berichten von Schikanen, Behinderungen und aggressivem Verhalten.

Auch wenn die Zusammenarbeit zwischen Sea Shepherd und der Polizei insgesamt sachlich und konstruktiv verläuft, missachten einzelne Beamte immer wieder die Rechte unbeteiligter Beobachter. So wurden Freiwillige beispielsweise ohne rechtlichen Grund gezwungen, öffentliche Bereiche zu verlassen, sich fotografieren zu lassen, Ausweise vorzuzeigen oder die Durchsuchung ihrer Kameras und persönlichen Gegenstände zu dulden – obwohl sie sich regelkonform verhalten hatten.

Diese Entwicklungen werfen eine zentrale Frage auf: Wenn das Grind tatsächlich ein kulturelles Erbe ist, auf das die Färinger stolz sind, warum wird dann so konsequent versucht, eine unabhängige Dokumentation zu verhindern?

Eine Tradition, die wirklich vertretbar ist, braucht keine Vertuschung.

Färoer: Erster Grind, kaum noch Rechtfertigung
Tote Grindwale

Was die Aufnahmen zeigen

In jeder Schule, die während eines Grinds getötet wird, befinden sich trächtige Weibchen und Jungtiere. Fast überall wären diese Tiere bei einer Jagd tabu. Beim färöischen Grind werden sie jedoch wahllos zusammengetrieben und getötet.

Die kleinsten Wale und Föten gelten als ungenießbar. Sie werden als zäh und gummiartig beschrieben und einfach weggeworfen. Da diese Tiere nicht in den offiziellen Fangstatistiken aufgeführt sind, wirft dies Fragen zur Zuverlässigkeit der Daten auf, die die Nachhaltigkeit des Grinds belegen sollen.

Dies ist einer der grausamsten und am wenigsten zu rechtfertigenden Aspekte des Grinds. Genau das wollen die färöischen Walfänger um jeden Preis verbergen.

Die Achillesferse des färöischen Grinds

Seit Jahren betonen Walfänger und ihre Befürworter, dass sie offen für Kritik und Verbesserungen sind. Doch eine Tatsache bleibt bestehen und lässt sich nicht wegdiskutieren. Bei jedem Grind werden trächtige Weibchen und Jungtiere getötet.

Anstatt dies als inakzeptabel anzuerkennen, wird versucht, es zu verbergen.

Auch am 4. Mai war das nicht anders: Offiziell wurden 125 Grindwale getötet, darunter etwa 17 Jungtiere einer bestimmten Größe. Zusätzlich wurden mindestens 15 Föten und sehr kleine Jungtiere als ungenießbar entsorgt. Diese Tiere erscheinen nicht in der offiziellen färöischen Statistik.

Während der Jagd wurden außerdem einige Atlantische Weißseitendelfine getötet. Sie tauchten jedoch später nicht im Hafen auf. Die Frage, die sich nun stellt, ist, ob sie entsorgt oder bewusst versteckt wurden.

Sea Shepherd ist der Meinung, dass die färöischen Behörden eine vollständige Aufstellung aller während eines Grinds getöteten Tiere vorlegen sollten. Dazu zählen auch die Jungtiere und die ungeborenen Tiere.

Weit mehr getötet als nötig

Das Grind in Sandavágur wirft zudem grundlegende Fragen zu Bedarf und Verteilung auf.

Allein dieses Grind sorgte für schätzungsweise rund 110.000 Kilogramm Fleisch und Blubber. Bei einer Bevölkerung von 55.000 Menschen und einem Pro-Kopf-Verbrauch von etwa einem Kilogramm pro Jahr ist das deutlich mehr, als benötigt wird.

Wohin geht das Fleisch? Und wie lässt sich die Tötung von bis zu 1.000 Grindwalen pro Jahr rechtfertigen, wenn Föten und Jungtiere nicht einmal mitgezählt werden?

Warum wurden die Wale in den Norden der Inseln transportiert?

Sechs bis sieben der in Sandavágur getöteten Grindwale wurden später nach Klaksvik gebracht.

Das ist bemerkenswert, da die Grindvorsteher im Norden aufgrund laufender Ermittlungen wegen Tierquälerei derzeit keine Grinds genehmigen oder durchführen wollen.

Diese Entscheidung hat bereits konkrete Folgen. So wurden in diesem Jahr mindestens 100 Grindwale nicht getötet, da die Vorsteher ihre Beteiligung ausgesetzt haben.

Das Grind in Sandavágur fand zwar nicht auf den Nordinseln statt, dennoch wirft der Transport ganzer Wale nach Klaksvík Fragen auf, etwa ob Personen aus dem Norden beteiligt waren. Ebenso ist denkbar, dass mehr Wale getötet wurden, als lokal benötigt, sodass der Überschuss im Land verteilt wurde, auch in Regionen, in denen die Grindvorsteher das Grind vorübergehend ausgesetzt hatten.

Färoer: Erster Grind, kaum noch Rechtfertigung
Grindwal Jungtier

Ein System, das seine eigenen Widersprüche offenbart

Die aktuelle Situation macht einen grundlegenden Widerspruch sichtbar.

Einerseits erkennen Teile des färöischen Walfangsystems inzwischen an, dass es ernsthafte rechtliche und tierschutzrelevante Bedenken gibt. Andererseits wird an anderer Stelle weiter getötet, es entstehen übermäßige Mengen an Fleisch und Blubber, trächtige Weibchen und Jungtiere werden getötet und weggeworfene Ungeborene sowie Neugeborene tauchen nicht in den offiziellen Statistiken auf.

Das ist keine transparente, nachhaltige oder vertretbare Praxis.

Es ist ein System unter Druck, das zunehmend auf Einschüchterung und selektive Sichtbarkeit setzt, um sich selbst zu erhalten.

Sea Shepherd wird weiterhin die Wahrheit dokumentieren

Sea Shepherd wird auch künftig innerhalb der gesetzlichen Grenzen arbeiten. Gleichzeitig werden wir auf unserem Recht bestehen, anwesend zu sein, zu dokumentieren und sichtbar zu machen, was während eines Grinds geschieht.

Denn die Wahrheit ist einfach: Wenn das Grind nur überleben kann, indem Kameras blockiert, Beobachter verdrängt und weggeworfene Föten versteckt werden, dann ist es keine Tradition, die einer kritischen Prüfung standhält.

Es ist eine Praxis, die davon lebt, dass die Bevölkerung der Färöer und die internationale Gemeinschaft nicht die vollständige Wahrheit sehen.

Aktuelle Infos zur Kampagne:
SeaShepherdFaroes auf Facebook

Färoer: Erster Grind, kaum noch Rechtfertigung