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opalbakomm1Montag, 9. Mai 2016
Ein langer Weg, eine lange Jagd und eine neue Frontlinie
im Kampf zum Schutz der afrikanischen Wildnis
Kommentar von Captain Peter Hammarstedt

Auf unserem Weg nordwärts an der Westküste Afrikas entlang arbeiteten wir ein Land nach dem anderen ab. Ähnlich wie beim Abhaken von Wildererschiffen, die wir im Verlauf von Operation Icefish verfolgten, strichen wir nacheinander Länder von unserer Liste, während wir die ganze Zeit spekulierten, in welchem Hafen die THUNDER wohl vor Anker gehen würde. Südafrika schien nicht sehr wahrscheinlich. Deutschland und Südafrika führten gerade Kriegsübungen durch, und mehrere Fregatten dampften gerade vom Kap der Guten Hoffnung ab. Vielleicht Namibia? Wir wussten, dass der Eigentümer der THUNDER Spanier war – das spanische Interesse an Fischereioperationen vor Walvis Bay war groß.

Aber wir ließen Namibia auf dem Weg nordwärts liegen, danach auch Angola und Kongo in Folge, denn wir waren irritiert durch die Raffinesse von Luis Alfons Rubio Cataldo, dem Kapitän der THUNDER; seine dunklen Absichten regten die Fantasie einer Sea Shepherd Crew an, die bis dahin über 100 Tage auf See war. Wir fuhren mit unseren Fingern die Küstenlinie entlang der Orte, die in unseren Karten verzeichnet waren, fremde Ufer, und rätselhafte Orte, die gleichzeitig aber auch ein potentielles Ende unserer langen Jagd verheißen könnten, sollte die THUNDER sich dorthin begeben.

Plötzlich änderte die THUNDER den Kurs, als ob sie vor Anker gehen wollte. Auf dem Weg tiefer in den Golf von Guinea informierten wir schnellstens so viele Länder wie möglich darüber, dass die THUNDER schon innerhalb der nächsten 48 Stunden in deren Gewässer vordringen könnte. Gabun war ein mögliches Anlaufziel – auf meine Warnung antwortete Mike Fay, ein ortsansässiger amerikanischer Naturschutzbiologe und Forscher für National Geographic, der von Libreville aus arbeitete. Er antwortete, indem er in der Betreffzeile einer E-Mail folgendes schrieb: „Ich habe die Menschen, die tätig werden können, informiert...haltet mich auf dem Laufenden, wir werden diesen Typen erwischen.“ Die gabunische Marine hatte die Absicht, die THUNDER festzusetzen, sobald sie in gabunische Gewässer eindrang. Aufgrund dieser Zusage zogen Fay und ich in Erwägung, ein Sea Shepherd-Schiff nach Gabun zu bringen.

Michael Fay, National Geographic „Explorer-In-Residence“ an Bord der BOB BARKER in Libreville, Gabun. Foto: Denis SinyakovDie THUNDER kam nie in Gabun an. Cataldo versenkte das Schiff absichtlich in 3.000 Meter tiefem Meer vor der Küste von São Tomé und Príncipe, nachdem die BOB BARKER ihm 110 Tage auf den Fersen gewesen war. Das Versenken war zunächst eine Überraschung, aber im Nachhinein war klar, warum Cataldo sich dafür entschieden hatte, sein Schiffswrack 80 Meilen vor der Küste des westafrikanischen Inselstaates zu platzieren. Ihm war bewusst, dass São Tomé und Príncipe keine operativen Möglichkeiten hatte, sein Schiff zu bergen – die Patrouillenboote ihrer Küstenwache hatten eine zu geringe Reichweite. Der Golf von Guinea steht vor logistischen Hürden, wenn geltendes Recht durchgesetzt werden soll. Diese Hürden nutzte Cataldo zu seinem Vorteil, als er sein Schiff versenkte – sie sind auch der Grund, warum die illegale, unregulierte und undokumentierte Fischerei (IUU-Fischerei) in Westafrika weltweit mit an der Spitze liegt.

Die Verfolgung der THUNDER brachte die BOB BARKER in den Golf von Guinea, doch war ihr Versenken für die BOB BARKER der Grund, vor Ort zu bleiben.

Für mich ist ganz klar, dass die längste Verfolgung eines Wildererschiffes in der Geschichte der Seefahrt bei Fay eine Saite angeschlagen hat. Im Jahr 1999 unternahm er seine

Mega-Durchquerung des Kongobeckens – 455 Tage lang zu Fuß. Er inventarisierte auf seinem Weg jede Pflanze und jedes Tier, auf die oder das er und seine Pygmäen-Führer trafen. Manchmal war der Dschungel so undurchdringlich, das Fays Leute nur 100 Meter am Tag vorwärtskamen. Diese Expedition, die in Länge und Einsatz beispiellos war, bildete den Grundstein für die Einrichtung von 13 Nationalparks in Gabun und einer gabunischen Naturschutzinitiative in einem solch großen Ausmaß, dass heute mehr als 15 Prozent der Landfläche von Gabun als Nationalpark unter Naturschutz steht. Es war unvermeidlich, dass sich der Mann, der den längsten Marsch bewältigt hatte, der Crew, die die längste Verfolgungsjagd unternommen hatte, anschließen würde.

Um erste Pläne für Operation Albacore konkret zu machen, flog Fay mich in seiner kleinen Cessna in Gabuns Schutzgebiet Wonga-Wongué ein großes Savannen- und Dschungelgebiet im Hinterland von Gabuns Hauptstadt Libreville. Während wir Tiere im Busch aufspürten, besprachen wir die nächsten Schritte – ich hatte mit meinen Seefahrerbeinen Mühe, mit dem schnellen Gehtempo von Mike mitzuhalten. Als wir an eine Lichtung im Dschungel kamen, hockten wir uns unter einen Okoume Baum, versteckten uns in seinen Wurzeln, und Fay imitierte den Ruf eines kleinen Huftiers. Sofort schwärmten Raubvögel vom Himmel, und wir hörten, wie Zweige brachen und das Laub unter den Füßen einer Horde Schimpansen raschelte, die sich außerhalb unserer Sicht auf die Jagd machten. Leben war überall um uns – wir waren umgeben von einem Meer von Geräuschen.

Elefantenherde durchstreift den Loango Nationalpark, Gabun. Foto: Denis SinyakovWenn Fay nicht mit seiner Cessna unterwegs ist, um für ein Projekt des gabunischen Nationalparks Informationen über Elfenbeinwilderei zu sammeln, fliegt er über Thunfischfänger. Der Schritt vom Waldschützer zum Schützer der Meeresbewohner ist nicht verwunderlich, bedenkt man, dass sogar die einzigartigen Wildtiere Gabuns sich nicht recht entscheiden können, ob sie an Land oder im Meer leben wollen. Die gabunischen Westlichen Flachlandgorillas kann man beim Spielen an Stränden beobachten, die zu zukünftigen, geplanten Meeresschutzgebieten gehören – und die berühmten „surfenden Hippos“ schwimmen tatsächlich aufs Meer hinaus, nur, weil es ihnen Spaß macht, sich von den Wellen wieder an Land treiben zu lassen.

Gabuns Elefanten, Gorillas und Hippos sind weltberühmt – dennoch ist Thunfisch für Gabuns Artenvielfalt von genauso großer Wichtigkeit, und Gabun hat weltweit die thunfischreichsten Gewässer. Zwanzig Prozent des offiziell gemeldeten Thunfischfangs im Atlantik stammt aus gabunischen Gewässern, und hierbei handelt es sich nur um den legalen Fang.

Nur wenige Wochen bevor die THUNDER versank, hatte die gabunische Marine zwei chinesische Trawler, die aus Richtung Kongo in gabunische Gewässer eindrangen, festgesetzt. Aber so wie São Tomé und Príncipe, hatte auch Gabun kein Küstenpatrouillenboot, das die Reichweite für das gesamte Hoheitsgebiet der Gewässer hatte. Dank der Voraussicht und Führung von Fay, der gabunischen Marine, dem gabunischen Fischereiministerium, der gabunischen Fischereibehörde, dem gabunischen Nationalpark Service und Sea Shepherd Global hat Gabun jetzt ein Patrouillenboot, das schon weltweit unter den Wilderern berüchtigt ist.

Es ist unmöglich herauszufinden, was Cataldo dachte, als er die Entscheidung traf, sein eigenes Schiff zu versenken. Aber ich bin sicher, er hat niemals damit gerechnet, dass sein Handeln für Sea Shepherd die Initialzündung darstellte, in den Gewässern von Zentral-/Westafrika den Kampf gegen IUU-Fischerei aufzunehmen. Während Länder auf dem ganzen afrikanischen Kontinent gegen Elefanten-Wilderei und andere Verbrechen an Wildtieren vorgehen, stellt sich Gabun nun an einer anderen notwendigen Front zum Schutz der wilden Tiere Afrikas auf, einer Front, deren Erfolg daran gemessen wird, wie viele Wildererschiffe man aufgespürt hat und nicht, wie viele Elfenbein-Stoßzähne man beschlagnahmen konnte.

Zwanzig Jahre altes Schiffswrack am Strand vor Port Gentil, Gabun. Foto: Denis SinyakovZwanzig Jahre altes Schiffswrack am Strand vor Port Gentil, Gabun. Foto: Denis Sinyakov


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