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Traurigerweise zählen Seevögel zu den bedrohtesten Vogelfamilien der Welt Foto: Sea Shepherd / Erwin VermuelenKommentar von Erwin Vermeulen

Das langsame Wachstum und die großen Fettreserven, die für viele Seevogelküken charakteristisch sind, könnten eine evolutionäre Anpassung an die unregelmäßige und unvorhersehbare Bereitstellung von Futter durch ihre Eltern sein. Gleichzeitig sind die Eltern – bedingt durch die erhöhte Wärmeerzeugung und -dämmung ihrer Schützlinge – von den Pflichten der Brutzeit befreit.

Das ist eine der großen Überlebensstrategien der Natur. Aber relativ hilflose, fette Seevogelküken haben schon immer Jäger und Sammler angezogen. In der Geschichte wurden Vögel wegen ihres Fleisches, wegen ihrer Eier, Häute und Daunen gefangen. Abgesehen von den Häuten sind es heute immer noch die dieselben Gründe. Nur die Methoden haben sich im Laufe der Zeit verändert: Effizientere Werkzeuge haben die Seevögel einer exzessiven Ausbeutung ausgesetzt.

Von Natur aus haben die meisten Seevögel ein Gespür für die hohe Sterblichkeit der ausgewachsenen Tiere. Sie bauen kleine Gelege und zögern ihre Geschlechtsreife hinaus, während sie außerdem extremen Wetterbedingungen ausgesetzt sind. Bis zum 20. Jahrhundert waren menschliche Gemeinschaften klein; Jagden wurden hauptsächlich mit nicht-motorisierten Booten durchgeführt und hatten damit nur eine begrenzte Auswirkung auf die Seevogel-Population. Seitdem verstärken die wachsende Bevölkerungsdichte der Menschen sowie mechanisierte Transportmittel und mächtige Waffen den Druck auf den Bestand der Seevögel.

Heranwachsende Eissturmvögel werden von Booten aus mit Hilfe eines langen Keschers gefangen Foto: Sea Shepherd / Erwin VermuelenSeevögel sind wichtige „Mitglieder“ des Ökosystems des Meeres. Von ihrer Anzahl kann man Fischbestände oder die Gesundheit des Ökosystems in der Gesamtheit ableiten.
Traurigerweise zählen Seevögel auch zu den bedrohtesten Vogelarten der Welt. Die meisten von ihnen leben Jahrzehnte lang und vermehren sich nur langsam. Der Hauptgrund für die Sterblichkeit von gesunden, ausgewachsenen Tieren ist der eher unbeabsichtigte Tod in Fischereigeräten (wie Netzen und Leinen). In Island, dem nördlichen Nachbar der Färöer, sterben jährlich rund 120.000 Vögel in Stellnetzen. In der färöischen Fischindustrie existieren keine Beifangzahlen.

Es gibt eine relativ neue Bedrohung: großflächige, klimabezogene ökologische Veränderungen haben das Nahrungsnetz in nordischen Gewässern zerrissen. Das Vorkommen von einigen Nahrungsquellen des Meeres, auf die Seevögel angewiesen sind, verändert sich aufgrund des Klimawandels. Im Nordatlantik beeinflusst die Verschiebung nordwärts in das Verbreitungsgebiet von Plankton und Ruderfußkrebsen die Anzahl und das Vorkommen einiger Fischarten, welche wichtig für die Seevögel sind; das betrifft vor allem Sandaale. Man nimmt an, dass diese Veränderungen der Grund für die vielen erfolglosen Bruten unter Seevögeln in Island, auf den Färöern, in Schottland und Norwegen ist, die 2004 ihren Anfang nahmen.

Während der letzten Jahre zeigten sich immer weniger Vögel in den Kolonien, und einheimische Populationen haben Schwierigkeiten ihre Küken aufzuziehen. Das ist zum Beispiel auf den Färöern der Fall:

In einigen Sommern verlassen die brütenden Küstenseeschwalben ihre Eier und lassen ihre Jungen sterben. Wenn die Dreizehenmöwen ein paar flügge Küken haben, bleibt immer noch die Frage, ob diese es durch ihren ersten Winter schaffen, da sie ja in schlechtem Zustand in ihr Leben starten. Und manchmal treiben tote oder halbtote ausgehungerte Papageientaucher mit dem Seewind an die Strände.

2014 ist das zehnte Jahr in Folge mit nur einem bisschen bis gar keinem Futter für die färöischen Papageientaucher. Die einheimischen Jäger haben in den letzten zehn Jahren nur Brutvögel gefangen, da es ja keine Jungen gegeben hat. Dies bedeutet eine stetige Verkleinerung der Population – mehr noch, als sie in Jahren mit schlechter Aufzucht normalerweise auftreten würde.

Berechnungen in Rost, Norwegen, zeigen auf, dass die Bestände an Papageientauchern dort um jährlich 7% abnehmen. Mit dieser Geschwindigkeit würden die färöischen Papageientaucher bis 2025 ausgestorben sein, wenn die Jagd so weiterginge. Offiziell werden die Papageientaucher jetzt geschützt, aber unsere Freiwilligen vor Ort auf den Färöern können immer noch „geerntete“ Papageientaucher in den Dörfern entdecken.

Papageientaucher sind nicht die einzige gejagte Art. An Land wird zur traditionellen „Vogeljagd“ die Vogelfangstange benutzt – ein zwischen zwei dünnen Stöcken gespanntes Netz an einem langen Stab. Diese Methode wird genutzt, um Papageientaucher und Eissturmvögel zu jagen. Auf See werden heranwachsende Eissturmvögel von Booten aus mit Hilfe eines langen Keschers gefangen.
Solche Jagden auf See finden im Winter statt. Die gejagten Arten sind Krähenscharben, Ringellummen (oder Trottellummen), Tordalken und Papageientaucher. Ringellummen und Papageientaucher waren seit Generationen die begehrteste Beute.

Seit einigen Jahrzehnten sind Eissturmvögel die begehrteste Beute; jährlich werden 50.000 bis 100.000 Vögel getötet Foto: Sea Shepherd / Erwin Vermuelen

Früher war die Ringellumme das begehrteste Ziel, aber in den späten 1950ern begann ihre Population drastisch abzunehmen. Heute ist es nur erlaubt, Eier der Ringellumme mit Genehmigung vom Färöischen Museum für Naturgeschichte zu „entnehmen“. Insgesamt werden so 1.000 bis 2.000 Eier der Ringellumme pro Jahr entwendet.

Rund 2.400 Tölpelpaare brüten auf Mykineshólmur, Píka und Flatidrangur auf Mykines, der westlichsten färöischen Insel. Die Bewohner von Mykines fangen jährlich mehrere hundert flügge Tölpelküken, genannt „Grásúla“, immer Ende August und Anfang September. Die toten Küken werden dann zwischen den Landbesitzern und den Jägern aufgeteilt.

Auf Skugvoy werden die traditionelle Seevogeljagd und das Einsammeln von Schwarzschnabelsturmtaucherküken immer noch praktiziert. Die Auswertung von Daten dort weist auf einen Rückgang der Bruterfolge und Anzahl der Vögel hin.

Da Papageientaucher und Ringellummen fast verschwunden sind, wurden die Eissturmvögel zur begehrtesten Beute. Jährlich werden rund 50.000 bis 100.000 Vögel gefangen – die meisten davon sind heranwachsende Junge. Aus der Fischereipraxis weiß man, dass, wenn eine Art fast ausgerottet ist, wir einfach den Jagddruck auf andere verfügbare Arten erhöhen.

Viele Boote fangen täglich zwischen 100 und 300 Eissturmvogelküken Foto: Sea Shepherd / Erwin VermuelenEin möwenähnlicher Verwandter von Albatrossen und Sturmtauchern ist der Nordatlantische Eissturmvogel, ein Vogel des Nordmeeres. Er lebt lange – mehr als 30 Jahre – und beginnt ausgesprochen spät zu brüten, meist erst ab einem Alter von 8 bis 12 Jahren. Der Eissturmvogel ist monogam und baut langfristige Paarbindungen auf. Jedes Jahr kehrt er zum selben Nest zurück. Der Nordatlantische Eissturmvogel brütet an steilen Klippen, wo in jedem Mai ein einziges Ei gelegt wird. Noch im selben Monat werden an verschiedenen Orten auf den Färöern die Eier „geerntet“.
Der Nordatlantische Eissturmvogel ist derzeit einer der zahlreichsten Seevögel in der nördlichen Hemisphäre; seine Population wird auf 5 bis 7 Millionen Paare geschätzt.

Unter den kommerziellen Fischern ist er bekannt dafür, den Abfall zu fressen, den sie von ihren Walfang- und Fischerbooten werfen. Lange Zeit dachte man, dass diese Anpassung an die schnelle Ausweitung von kommerziellem Fisch- und Walfang im letzten Jahrhundert die Population der Eissturmvögel in die Höhe trieb und dass die neuen mechanisierten Methoden der Fischverarbeitung auf See die Menge an Abfall reduzieren und folglich die Anzahl dieser Vögel wieder zu sinken beginnt.

Neue Studien zeigen allerdings, dass Fischereiabfälle zwar in einigen Regionen eine wichtige Nahrungsquelle für Eissturmvögel sind, aber nicht der einzige Grund für ihre erhöhte Population waren. Eine sehr logische Erklärung, die von Jägern nicht gern gehört wird, ist, dass die erhöhten Bestände der Eissturmvögel auf den Rückgang der Jagd durch den Menschen zurückzuführen ist.
Man glaubt, dass diese Art im 17. Jahrhundert außerhalb der Antarktis nur an zwei Orten vorkam: St. Kilda in den Äußeren Hebriden und Grimsey vor dem nördlichen Island. Während des 19. und 20. Jahrhunderts breiteten sich die Eissturmvögel von Grimsey bis zum isländischen Festland aus; zwischen 1816 und 1839 kolonisierten sie auf den Färöern. Im frühen 20. Jahrhundert wurden sie von Inselgemeinschaften auf Island, den Färöern und St. Kilda gefangen, um Menschen mit Öl-, Daunen- und Fleischvorräten zu versorgen.

Statistiken von der isländischen Regierung dokumentierten jährliche Fänge von 20.000 bis 60.000 Tieren. Geschätzte Werte von färöischen Fängen aus den 1930ern waren sogar höher als 80.000 pro Jahr; die von St. Kilda bewegten sich zwischen 6.000 und 10.000. Die Fänge auf St. Kilda, Island und den Färöern haben zum Ende der 1930er alle immens abgenommen. St. Kila wurde evakuiert, und die Gesetzgebung auf Island und den Färöern verbot den Fang von jungen Eissturmvögeln, weil sie als Quelle für die Papageienkrankheit identifiziert wurden. Es folgte eine schnelle Erhöhung der Population.

Während der letzten drei Jahrzehnte sind die Fänge auf den Faröern, Island und Grönland bis zu 50% zurückgegangen. Man geht davon aus, dass dies auf die Kombination der eingeschränkten Jagdregeln mit abnehmender Seevogel-Populationen zurückzuführen ist.

Die Jagd auf Eissturmvögel beginnt in der dritten Augustwoche und geht bis in die zweite Septemberwoche. Viele Boote fangen täglich zwischen 100 und 300 Eissturmvogelküken und die Boote aus Städten wie Hvannasund, nahe der größten Eissturmvogelkolonie, fangen mindestens 900 Junge am Tag.

Während wir mit der Brigitte Bardot und den Schlauchbooten auf Patrouille waren, konnten wir beobachten, wie die Einheimischen hunderte von Sturmvogelküken jeden Tag aus dem Meer schaufelten. Die Jungen sind nicht hilflos. Sie paddeln und flattern, um den nahenden Booten auszuweichen und sich gegen die angreifenden Raubmöwen zu wehren. Aber den schnellen, wendigen Booten mit ihren Netzen an langen Stäben sind sie nicht gewachsen. Manche Leute töten die Vögel, indem sie den Kopf festhalten und ihren Körper herumwirbeln; andere reißen den Kopf direkt ab.

Manche töten die Vögel, indem sie den Kopf festhalten und ihren Körper herumwirbeln; andere reißen den Kopf direkt ab Foto: Sea Shepherd / Erwin Vermuelen Während des Grindadráp in Sanur war die Fischerei-Streife / das Such-und-Rettungboot Brimil nicht an Ort und Stelle, um den Grindwalfang gegen die Freiwilligen von Sea Shepherd zu verteidigen, so wie es beim Fast-Grind in Hvalba einige Woche zuvor geschehen war. Stattdessen hatte die Brimil ihre beiden Festrumpfschlauchboote im Wasser, die Crew ausgestattet mit Netzen, um die Eissturmvögel in den Gewässern nördlich von Vágar zu töten.

All diese Boote, die auf dem Wasser Eissturmvögel töten, stellen außerdem eine Bedrohung für die Grindwale dar. Statistisch gesehen ist der August der blutreichste Monat der Grindadráp-Saison – aus gutem Grund. Die Boote, die auf dem Meer die Vögel fangen, melden gesichtete Grindwale und beteiligen sich auch am Grindwalfang.

Obwohl Zeitungen behaupten, dass es in diesem Jahr viel mehr „Havhestaugum” (Sturmvogelküken) als in den letzten 3 Jahren gibt, und dass auch die Bestände über dem Durchschnitt der letzten 14 Jahre liegen, hat die Anzahl der Eissturmvögel auf den Färöern in den letzten 20 Jahren drastisch abgenommen.

Es gibt eine interessante Parallele zwischen der Jagd auf Eissturmvögel und Grindwale: Der Verzehr des Fleisches setzt die Einheimischen gesundheitlichen Risiken aus.

Die Chlamydophila-psittaci-Infektion wurde in 10 % von 431 Eissturmvögeln festgestellt, die 1999 von Färöern untersucht wurden. Die bakterielle Erkrankung wird durch Einatmen, Kontakt oder Verzehr zwischen Vögeln und zu Säugetieren übertragen. Die Papageienkrankheit bei Vögeln und Menschen beginnt häufig mit grippeähnlichen Symptomen und wird dann zu einer lebensbedrohlichen Lungenentzündung.
Während des Winters von 1929/30 kamen weitverbreitete Epidemien der Papageienkrankheit in Europa und den Vereinigten Staaten vor. Auf den Färöern wurden zwischen 1930 und 1939 174 Fälle der Papageienkrankheit bei Menschen gemeldet. Die menschliche Sterberate betrug 20 % und war mit 80 % bei schwangeren Frauen besonders hoch.
Die Krankheit stammt ursprünglich aus Argentinien und wurde durch die Verschiffung von Ziervögeln exportiert. Infizierte und tote Papageien wurden während der Reise über Bord geworfen und steckten auf diesem Weg die Eissturmvögel an. Das erste Fall beim Menschen auf den Färöern wurde auf der südlichsten Insel Suduroy gemeldet. Von 1933 bis 1938 brach die Krankheit mehrmals auf Sandoy und anderen Inseln aus.

Auf Island wurden die ersten Fälle der menschlichen Papageienkrankheit in Verbindung mit Eissturmvögeln 1939 auf Vestmanna gemeldet. Insgesamt wurde von sechs Fällen berichtet; alle tauchten auf, nachdem Vögel für den menschlichen Verzehr zubereitet wurden. Nach den Ausbrüchen wurde das Jagen von Eissturmvögeln für den menschlichen Verzehr untersagt; das Verbot blieb bis 1954 auf den Färöern bestehen.

Falls dies ein Anreiz ist, das Töten zu stoppen, ist das großartig. Aber die Tatsache, dass der Verzehr dieser Tiere schlecht für die menschliche Gesundheit ist, sollte nicht der Grund sein, die Jagd zu beenden.
Umfangreiche und komplexe Veränderungen finden derzeit im Ökosystem des Meeres statt und unterstreichen mehr als je zuvor die Notwendigkeit, alle Faktoren, die Einfluss auf Seevögel und Meeressäuger haben, zu betrachten: Klimawandel, kommerzieller Fischfang, Ölkatastrophen und die Suche nach Öl, Jagden und Verschmutzung.

Es gibt keine Jagdstatistiken auf den Färöern und nur wenige Populationsschätzungen, also ist jede Behauptung von nachhaltiger Jagd schlichtweg erfunden. Für alle, die schon mal die Vogelklippen auf den Shetland Inseln oder Spitzbergen gesehen haben: die auf den Färöern verblassen dagegen im Vergleich.

Heutzutage werden Seevögel – genau wie Grindwale – wegen kulturellen und freizeit-sportlichen Gründen gejagt, nicht für das pure Überleben.

Diese barbarischen Relikte aus alten Zeiten müssen weg – mitsamt all ihren Bedrohungen für Seevögel und Meeressäuger!

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