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Fischtheke mit Dornhai - verkauft als „Schillerlocke“ Foto: Wolfgang / pixelio.deIst der Zustand des Lebens in der deutschen Nord- und Ostsee tatsächlich kritisch
und welche Schlüsse lassen sich daraus auf das eigene Kaufverhalten ziehen?
Ähnlich wie bei der kontroversen Diskussion um den Klimawandel gehen auch beim Thema Meeresschutz
die Meinungen von Wissenschaftlern und Experten weit auseinander und sind für den Normalbürger nicht
einfach zu durchschauen. Die neu erstellte Rote Liste Deutschlands für Meeresorganismen ist vielleicht
der erste Schritt auf der Suche nach der Wahrheit, wenn es um das Meer vor der eigenen Haustür geht.

„Über 70% der weltweiten Fischbestände werden derzeit nachhaltig bewirtschaftet“ und „die tatsächlichen Fischvorkommen sind weltweit 10-mal größer als bisher angenommen“, „in den europäischen Gewässern, der Nord- und Ostsee werden ca. 60% der Bestände nachhaltig bewirtschaftet“, „diese Daten belegen, dass die Alarmmeldungen über weltweit leergefischte oder geplünderte Ozeane keine Grundlage haben“, „die Hiobsbotschaften bestimmter Lobbygruppen über zusammenbrechende Fischbestände haben sich nicht bewahrheitet.“
  - Soweit der Stand aus den Pressemitteilungen des „Deutschen Fischereiverbandes“.

Die Frage, ob „man als aufgeklärter, umweltbewusster Bürger auch heutzutage noch ohne Probleme Fisch essen“ kann,
wird positiv beantwortet, da „knapp drei Viertel der weltweiten Fischbestände in Ordnung sind“.
 - Soweit der Stand aus einem Interview des führenden Unternehmens „Deutsche See“ mit einem
 Fischereibiologen des bundeseigenen Thünen-Institutes für Ostseefischerei, das dem Landwirtschaftsministerium angegliedert ist.
 
Naturgemäß sehen das Umwelt- und Naturschutzorganisationen in Deutschland völlig anders und sprechen von einer Gefährdung,
ja von einem langsamen Sterben der Meere  – aber lässt sich das z.B. für die deutsche Nord- und Ostsee auch für den Laien wirklich mit verständlichen Fakten belegen? Die in diesem Jahr aktualisierte „Rote Liste Deutschlands für Meeresorganismen“
bringt wichtige Erkenntnisse, wenn es um das Meer vor der eigenen Haustür geht. Die Rote Liste Deutschlands wurde in den 1970er Jahren
nach dem Vorbild der Roten Liste der Weltnaturschutzunion (IUCN) bei uns eingeführt und wird seitdem regelmäßig aktualisiert.

Die IUCN erstellt anhand einer wissenschaftlichen Methodik eine Rote Liste für gefährdete Arten und deren regionale Populationen weltweit.
Diese hat - ebenso wie die regionalen Roten Listen von Staaten oder Bundesländern -  allerdings meist den Status von Sachverständigengutachten,
die dem Gesetzgeber lediglich als Informationsquelle dienen - nach dem Grundsatz „Gefährdung heißt nicht automatisch Schutz“.
So ist es auch in Deutschland.

Das Gesamtwerk Rote Liste gefährdeter Tiere, Pflanzen und Pilze Deutschlands - einschließlich des gesonderten Teils für Meeresorganismen - wird vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) herausgegeben und ist ein Spiegelbild zu Naturschutz und biologischer Vielfalt in unserem Land - zusammengestellt nach objektiven wissenschaftlichen Kriterien. Im Gegensatz zur Roten Liste der Weltnaturschutzunion bezieht die Rote Liste Deutschlands aber nicht nur das Aussterberisiko in die Betrachtung mit ein, sondern auch eine Gefährdungs- und Verantwortungsanalyse, die den Blickwinkel wesentlich erweitert.

Wenn es um den Zustand des Ökosystems und die biologische Vielfalt in der deutschen Nord- und Ostsee geht, kommen wir also mit der Roten Liste Deutschlands der Wahrheit schon recht nah, so dass man sich ein eigenes realistisches Bild der tatsächlichen Situation machen kann.

Am 09. Mai 2014 wurde nach sechsjähriger Arbeit die aktualisierte Rote Liste
der Meeresorganismen in der deutschen Nord- und Ostsee für über 1.700 Arten vom BfN vorgestellt.
Schon in der Zusammenfassung der Autoren verwandeln sich die frohen Botschaften der Fischereiwirtschaft in bittere Wahrheiten:

Nur 31% der Arten sind nachweislich ungefährdet, 30% der Arten stehen auf der Roten Liste, knapp 3 Prozent auf der Vorwarnliste, für mehr als ein Drittel der Arten liegen überhaupt keine validen Daten für eine Einstufung zum Gefährdungsgrad vor. Gegenüber der alten Roten Liste aus dem Jahr 1998 bleibt die Situation kritisch und hat sich weiter verschärft – in der Nordsee insgesamt noch stärker als in der Ostsee. Dabei sind die Fischbestände ohnehin schon geschwächt. Sie weisen für ca. 60% der Arten die Einstufung „selten / sehr selten / extrem selten“ auf. Der langfristige Bestandstrend ist für fast die Hälfte der untersuchten Fischarten nach den verfügbaren Daten weiter rückläufig; für 50% der Fischarten sind generell keine Daten zum Trend verfügbar.

Das Meer vor der eigenen Haustür Foto: Erich Westendarp / pixelio.de Von den fischereiwirtschaftlich genutzten Fischarten wurden drei (Dornhai, Schellfisch, Europäischer Aal) einer Gefährdungskategorie zugeordnet, drei Weitere (Atlantische Makrele, Steinbutt, Seezunge) wurden auf die Vorwarnliste gesetzt.
Schlimm hat es generell die heimischen Knorpelfische, wie Rochen und Haie (neben dem Dornhai auch den Hundshai) getroffen. Insbesondere der Dornhai (verkauft als „Schillerlocke“) wurde durch unverantwortliches Fischereimanagement in den letzten Jahrzehnten und trotz des bekannten Gefährdungsstatus - unter Ignoranz aller Warnsignale -im Nordostatlantik und in der Nordsee nahezu ausgelöscht und ist mit der neuen Roten Liste nun als „vom Aussterben bedroht“ geführt.

Dank der erweiterten Methodik gehen die Autoren der Roten Liste aber noch einen Schritt weiter und benennen unmissverständlich die maßgeblichen Ursachen dieser Entwicklung. Hauptverursacher ist, neben Nährstoffeinträgen durch die Landwirtschaft sowie Abbau- und Baggerarbeiten, die Fischerei. Zitat: „Die Fischerei, vorwiegend die Grundnetzschleppfischerei, beeinträchtigt nicht nur die Fischfauna, sondern darüber hinaus den gesamten Lebensraum von Nord- und Ostsee inklusive der Nahrungsnetze.“ Weiter wird darauf hingewiesen, dass „die viel zu hohe Fischereiintensität mit Grundschleppnetzen selbst in Meeresschutzgebieten weitgehend unreguliert stattfindet.“

Einzelne Gebiete in der südlichen Nordsee werden bis zu 10 Mal pro Jahr mit Grundschleppnetzen befischt, zerstören Lebensräume und töten dort lebende Organismen der Flora und Fauna. Dabei führt diese destruktive Art der Fischerei insbesondere auf Plattfische, wie Seezunge, Scholle und Steinbutt, zu extrem hohem Beifang (ca. 10 kg Beifang auf 1 kg Zielfisch), der auch beim Zurückwerfen ins Meer meist nicht überlebt, da die Fische durch den Druck der vielen Tiere im Netz zerquetscht werden oder ihre Schwimmblase platzt.

Zu hohe Fischereiintensität oder Überfischung von bewirtschafteten regionalen Fischbeständen einer Art ist dabei sicher nicht sofort mit der Einstufung als gefährdete Fischart auf der Roten Liste gleichzusetzen – klar ist aber: es gibt einen engen Zusammenhang. Aus einer Mitteilung der Europäischen Kommission zur Fischereipolitik vom Juni 2014 ist ersichtlich, dass sich von den 85 gelisteten Fischbeständen in der Region Nordostatlantik und angrenzende Gewässer (einschl. Nord- und Ostsee) lediglich 21 innerhalb sicherer biologischer Grenzen befinden. Alle anderen sind de facto überfischt bzw. können wegen fehlender Daten nicht bewertet werden. 27 bewertbare Fischbestände gelten offiziell als nachhaltig befischt (wobei „nachhaltig“ bedeutet - Befischung auf oder oberhalb eines Biomasseniveaus, das den höchstmöglichen Dauerertrag erzeugen kann). Die festgelegten zulässigen Gesamtfangmengen liegen dabei für diese bewertbaren Fischbestände dennoch im Durchschnitt 30% über dem Wert einer nachhaltigen Befischung.

Somit schließt sich der Kreis zwischen Überfischung von Beständen und der Gefährdung von Arten, wie am Schicksal des inzwischen vom Aussterben bedrohten Nordostatlantischen Dornhais deutlich sichtbar, von dem noch vor wenigen Jahrzehnten über 50.000 Tonnen pro Jahr angelandet wurden – mit stetig sinkenden „Erträgen an Biomasse“ Jahr für Jahr bis zum bitteren Ende. Kandidaten, wie Atlantische Makrele, Steinbutt, Seezunge, die nun auf der Vorwarnliste der Roten Liste Deutschlands stehen, könnten schon bald folgen.
All diese Fakten weisen objektiv nach, dass „Alarmmeldungen“ für die deutsche Nord- und Ostsee sicher gerechtfertigt sind, und ja: Wir reden zu Recht von einer Plünderung der Meere, der Zerstörung von Lebensräumen, einer Reduzierung der Artenvielfalt - mit dauerhaften Auswirkungen auf das Ökosystem Meer mit all seinen Bewohnern - direkt vor unserer Haustür.

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