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Einige der wunderbaren Wildtiere der Färöer-Inseln Foto: Sea ShepherdVon außen kann man unmöglich die Denkweise von ungefähr 48.000 Menschen erkennen noch verstehen. Das Beste, was man tun kann, ist zuzuhören, was einzelne Menschen der Bevölkerung sagen und zu lesen, was offiziell darüber geschrieben wird, um das Ganze vielleicht zu verstehen.

Klar ist, dass färöischen Menschen absichtlich Hunderte Grindwale, Delfine und andere Kleinwale töten. Auch klar ist, dass dieses Abschlachten schon eine mehrere Hundert Jahre lange Vorgeschichte hat.

Wir verstehen allerdings überhaupt nicht, warum das Abschlachten weiter anhält.

editorial-140627-1-clncpvqqpfdzosyyxcltqx0cuz2mwpwy8-xtxeuloww-largeBevor ich je die Färöer-Inseln besuchte, wusste ich schon geraume Zeit von dem Grind (dem Grindwalfang). Ein erster Besuch fand im Sommer 2011 statt. Sea Shepherd führte in dem Jahr eine Kampagne durch, um die Grindwale durch unsere Schiffe vom Meer aus sowie von einer offen arbeitenden und einer verdeckt arbeitenden Undercover-Mannschaft an Land zu schützen. Leider verwechselte das Filmteam von Animal Planet die offen arbeitende Mannschaft mit der Undercover-Mannschaft. Ich selbst arbeitete verdeckt und verbrachte einige Wochen als Tourist auf den Färöer-Inseln. Weil ich nicht mit Sea Shepherd in Verbindung gebracht wurde, gelang es mir mit anzuhören, was einige Färöer den Nichteinheimischen über den Grind und über Sea Shepherd zu sagen hatten. Dabei brauchte ich das Thema nie anzusprechen, weil jeder, den wir trafen, darüber reden wollte.

So hörte ich, dass der Grind zur Nahrungsbeschaffung und aus Tradition durchgeführt wurde. Ich traf Leute, die beanspruchten, am Grind teilgenommen und es aufregend gefunden zu haben. Sie erzählten, dass der Grind den Menschen die Gelegenheit gibt, die tägliche Routine zu unterbrechen und Freunde und Nachbarn zu treffen. Wer weiß, ob etwas davon wahre oder repräsentative Aussagen waren, aber das erzählten Mitglieder der färöischen Gemeinschaft einer Handvoll „Touristen“.

Ich hörte auch, warum man die Entscheidung traf, während Sea Shepherd und unsere Kameras 2011vor Ort waren, keinen Grind durchzuführen. Auf den Punkt gebracht, sagte man mir: „Wir wollen nicht wie Taiji enden.“ Mir wurde erklärt, dass Sea Shepherd mit seinen Kameras Japan wegen des Delfinschlachtens in Taiji vor der ganzen Welt verunglimpfte. Diesen Gedanken fand ich persönlich sehr befriedigend, vor allem, weil im September 2010 meine Tochter Elora Malama und ich die laufende Sea Shepherd Cove Guardian Kampagne gestartet hatten. Während mir kürzlich vermittelt wurde, dass die Färöer sich nicht darum scheren, was der Rest der Welt von ihnen denke, glaube ich doch eher, dass das Gegenteil der Fall ist. Allein Handel und Tourismus wären hinreichend wichtige Dinge für die Politiker, sich sehr wohl darum zu scheren, und ich hörte 2011 auch von den Einwohnern, dass sie es sehr wohl tun.

Im Moment ist das gerade mein dritter Besuch auf den Färöer-Inseln. Ich kam im März wieder hier her, um die laufende Grindstop Kampagne vorzubereiten. Diesmal war meine Verbindung zu Sea Shepherd offenkundig. Ich traf die färöische Polizei und redete mit einigen färöischen Bürgern. Aktuell kam ich am neunten Juni mit der Land-Crew der Operation Grindstop 2014 auf den Färöer- Inseln an.

Warum also führen die färöischen Menschen den Grind durch und warum halten sie daran fest, wo sie doch die ganze Welt für dieses Vorgehen verurteilt?

Ich werde den zweiten Teil der Frage zuerst diskutieren. Grundsätzlich verurteilen Island, Norwegen und Japan die Färöer-Inseln nicht, denn Island, Norwegen und Japan ignorieren internationale Walfangverbote. Demgegenüber jedoch verbieten die meisten entwickelten Länder der Erde das Töten von Walen, große wie auch kleine. In den USA kann man für das Verletzen oder Töten von Walen eine nicht unbeträchtliche Zeit hinter Gitter kommen. Seit der Grindwalfang auf den Färöer-Inseln ins Bewusstsein der Weltbürger rückte, hat die Verurteilung dieser Praxis und der daran Beteiligten zugenommen. Es ist sehr schade, dass solch ein schöner Ort wie die Färöer-Inseln mit ihrem reichen Kulturgut und der sehr modernen und ausgebauten Infrastruktur wegen des Grinds so an Ansehen verlieren. Die Färöer können das Ruder nur herumreißen, wenn sie den Grind aufgeben. Handel und Tourismus werden unter dem fortgesetzten Grind wahrscheinlich leiden. Und gleichzeitig würden Reisende aus der ganzen Welt gerne gutes Geld bezahlen, um lebende Grind- und andere Kleinwale frei in den Gewässern der Färöer-Inseln schwimmen zu sehen. Schlicht gesagt, sind die Grindwale für die färöische Wirtschaft lebend viel wertvoller als tot.

Von außen schien es so, dass das Abschlachten, der „Grind“, ein Sport oder ein Initiationsritus sei. Jedoch habe ich gelernt, dass dies nicht der Wahrheit entspricht, jedenfalls nicht für die meisten färöischen Menschen.

Die offizielle Antwort findet man unter diesem Link: Wale und Walfang auf den Färöer-Inseln

Im Frage-und-Antwort-Teil (vom 18. Februar 2014) wird konstatiert: „Die Treibjagd auf Wale findet auf den Färöer-Inseln statt, um Nahrung zu beschaffen (Walfleisch und Blubber).“ Das ist eine recht interessante Aussage. „...Nahrung beschaffen...“ suggeriert, dass Grindwal (Fleisch und Blubber) eine wichtige und substanzielle Rolle in der Ernährung der Färöer spielt. In dem Link zu der Seite, „Überarbeitete Ernährungsempfehlung, 1. Juni 2011“ finden wir folgendes:

- Erwachsene sollten höchstens einmal im Monat Grindwalfleisch und Blubber essen.
- Spezielle Empfehlungen für Frauen und Mädchen: Frauen und Mädchen sollten vom Verzehr des Blubbers Abstand nehmen, solange sie noch planen, Kinder zu bekommen.
- Frauen, die innerhalb der nächsten drei Monate schwanger werden möchten, schon schwanger sind oder ihre Kinder stillen, sollten vom Verzehr des Walfleisches Abstand nehmen.
- Nieren und Leber von Grindwalen sollten nicht verzehrt werden.

Die Empfehlungen raten allen Mädchen davon ab, Wal zu essen. Bezüglich Jungen gibt es keine Empfehlungen.

So wird nun offiziell in einem Atemzug der Grind mit Nahrungsbeschaffung begründet und gleichzeitig der Verzehr von Walfleisch auf minimale Mengen begrenzt. Was stimmt denn nun von beidem?

editorial-140627-1-aolib3zjsjic0oqhskn4g3s8xctq4ra-xkm7ldmkt5y-largeIn Gesprächen mit färöischen Einwohnern habe ich erfahren, dass Grindwalfleisch und Blubber gemeinhin sowieso nur einmal im Monat und auch nur zu besonderen Gelegenheiten gegessen wird. Diese Aussagen stimmen mit den offiziellen Empfehlungen überein. Sicherlich werden einige mehr und häufiger davon essen, genau wie Leute, die weiter rauchen, obwohl sie um die Gesundheitsrisiken wissen. Jeder einzelne von uns könnte eine Mahlzeit im Monat aussetzen, also fasten, und würde es kaum merken. Regelmäßig gaben färöische Bürger mir gegenüber zu, dass das Essen von Wal einfach nicht notwendig ist.

Sicherlich gab es früher eine Zeit, in der die Menschen auf den Färöer-Inseln hätten hungern müssen, wenn sie kein Walfleisch gehabt hätten. Der Wal (das Fleisch und der Blubber) wurde auf den Färöer-Inseln als „Geschenk Gottes“ bezeichnet. Heute jedoch gibt es absolut keine Anzeichen dafür, dass irgendjemand hungern müsste, wenn keine Grindwale mehr getötet würden.

Häufiger hörte ich das Argument: „Ich mag einfach, wie es schmeckt.“ Bedeutet das nun, es soll eine Delikatesse sein? Eine Delikatesse ist Luxus und nicht Notwendigkeit.

Man sagt uns, der Grind sei eine Nahrungsquelle, jedoch ist offenkundig, dass es keine substanzielle Nahrungsquelle sein kann, wie es z.B. Getreide, Rindfleisch, Reis, Soja und Fisch auf der ganzen Welt sind. Wohl wird es verzehrt, jedoch kaum kommerziell vertrieben. Ein wenig wird regional verkauft.

Aus Fairness gegenüber der färöischen Regierung:

„Es ist die Ansicht der färöischen Regierung, dass der Hauptfokus der internationalen Bemühungen von Regierungen, internationalen Gremien und Umweltschutzorganisationen darauf liegen sollte, die Rechte der Küstennationen auf die nachhaltige Nutzung ihrer marinen Ressourcen zu schützen und zu fördern. Das kann am besten erreicht werden, indem effektive Maßnahmen ergriffen werden, die globale industrielle Umweltverschmutzung, die sich letztlich in der Nahrung wiederfindet, an der Wurzel zu erfassen, zu reduzieren und zu eliminieren.“
Walfang auf den Färöer Inseln, Oktober 2013

Dem können wir jedenfalls teilweise zustimmen. Wir alle müssen uns den Myriaden von Problemen stellen, die die Meere schädigen: Gifte, Schadstoffe, Plastik, Überfischung, Wilderei, Übersäuerung, Klimawandel usw. Das marine Ökosystem ist massiv unter Beschuss und dabei, die Schlacht zu verlieren. Wie Captain Paul Watson sagt: „Wenn die Meere sterben, sterben auch wir.“ Das Leben an Land ist nicht ohne lebende Meere möglich.

Leider ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass elektrizitätserzeugende Kohlekraftwerke in näherer Zukunft weniger werden. Das Quecksilber in der Kohle wird in die Luft geblasen und landet in den Meeren. Von dort arbeitet es sich die Nahrungskette hoch zu den Spitzenprädatoren, einschließlich uns Menschen. Und das ist nur ein Stoff von vielen, der die Giftbelastung der Wale ausmacht. Es ist unwahrscheinlich, dass jemand der heute Lebenden den Moment erleben wird, wenn die Wale wieder frei von menscheninduzierter Vergiftung sein werden. Es ist komplett unabsehbar, wann Walfleisch wieder sicher von Menschen konsumiert werden kann. Ich habe auch das Argument gehört, dass man das Geschick, welches man benötigt, einen Grindwal zu töten, durch fortgesetzten Grindwalfang und somit durch Übung erhalten möchte.
Wenn momentan keinerlei Notwendigkeit besteht, Walfleisch zu essen, gibt es auch in absehbarer Zukunft keine Notwendigkeit dazu. Und wenn es völlig unabsehbar ist, wann der Verzehr von Walfleisch wieder sicher sein wird, warum also werden die Grindwale dennoch auf den Färöer-Inseln getötet?

Häufig höre ich Aussagen darüber, wie der Grind zur Kultur und Tradition gehört. Es steht außer Frage, dass der Grind auf den Färöer Inseln eine sehr alte Angelegenheit ist. Aber ist das Grund genug, etwas fortzusetzen, das so offenkundig unnötig ist und von so vielen Menschen auf der ganzen Welt verurteilt wird?

Es ist interessant, darüber nachzudenken, was es für die Menschen bedeutet, die ganze Welt und alle Wesen in ihr für sich beanspruchen zu wollen. Menschen - wie alle Tiere - müssen essen. Die Erde sorgt für alle Rohstoffe und Nährstoffe, die für die Existenz von Leben notwendig sind. Menschen jedoch neigen dazu, sich selbst über jede andere Lebensform erhaben zu finden und meinen, sie hätten ein gottgegebenes Recht, den Planeten und das Leben auf ihm auszubeuten. Das ist ein durchaus gefährlicher Standpunkt, besonders, da es inzwischen so viele von uns auf dem Planeten gibt. Wieviel Missbrauch kann die Erde hinnehmen, bevor das ganze Lebenserhaltungssystem kollabiert? Wir sollten doch vielleicht besser in folgende Richtung denken: dass wir eine gottgegebene Verantwortung haben, den Planeten und das Leben, das er erhält, zu beschützen.

Jenen, die dem Juden- oder Christentum beipflichten, wird gesagt, Menschen mögen über die Kreaturen der Erde „herrschen“ oder sie sich „untertan machen“ (Genesis 1, 26). Aber mit Herrschaft und Hoheitsgewalt kommt gleichzeitig auch Verantwortung und Rechenschaftspflicht. Man belehrt uns, dass die färöischen Behörden sich bemühen, die Grausamkeiten während des Grinds zu reduzieren und die Auswirkungen des Grinds auf den Bestand der Walart in Betracht zu ziehen. Im selben Zuge, indem die Wissenschaftsgemeinschaft mehr über die komplexen Aspekte des Lebens von Walen und Delfinen erfährt, müssen wir alle unsere Einstellung, wie wir andere, „nichtmenschliche“ Personen behandeln, neu überdenken.

Darüber hinaus müsste man fragen, warum die Menschen der Färöer-Inseln annehmen, dass die Grindwale, die auf ihrer Wanderung durch färöische Gewässer schwimmen, zum Eigentum der Färöer gehören? Grindwale und andere Wale durchschwimmen die Meere, und viele legen sehr große Strecken zurück. Manche Wale, die in den Gewässern des einen Landes, dessen Menschen sich an deren Anwesenheit erfreuen, geschützt sind, sind genau dieselben Wale, die zu den Ufern anderer Länder ziehen. Wale gehören den Meeren, nicht den Menschen, egal welcher Nationalität.

Ich selber schätze Traditionen und Kultur. Es spricht viel dafür, Sprachen, Trachten, Musik, Architektur, Kunst und andere Ausdrucksformen dessen, was wir sind, zu schützen. Die Welt wird immer kleiner, und so ist es immer wichtiger, sich daran zu erinnern, woher wir kommen. Nichtsdestotrotz gibt es für einige Traditionen und kulturelle Ausdrucksformen eine Zeit, in der sie nur noch ins Museum und in die Geschichtsbücher gehören. Wir wollen heutzutage wohl kaum Kannibalismus oder Menschenopfer praktiziert sehen. Jedoch für die Menschen, die dies einst taten, waren es besonders wichtige kulturelle Aktivitäten.

Sea Shepherd ist auf den Färöer-Inseln. Wir haben Freiwillige aus mehr als 27 Ländern, die ihre Zeit und ihr Geld opfern, um die Wale zu schützen. Bevor wir im Oktober wieder nach Hause fahren, werden weit über 600 Freiwillige, vielleicht sogar noch mehr, hier gewesen sein, um den Walen beizustehen. Wir sind nicht hier, um gegen die Menschen auf den Färöer-Inseln zu Felde zu ziehen. Wir sind hier, um die Wale zu schützen. Sollte ein Grind stattfinden, werden wir versuchen zu intervenieren. Wir wissen nur zu gut, dass dies gefährlich sein kann. Keine der beiden Seiten möchte, dass irgendjemand verletzt wird.

Anfang Oktober wird Sea Shepherd die Inseln verlassen. Was wird dann mit den Walen geschehen? Die Antwort liegt bei den färöischen Menschen. Die Färöer-Inseln sind ein malerischer, moderner, gebildeter, informierter, sauberer und sicherer Ort. Es gibt für die Menschen der Färöer-Inseln keinen vertretbaren Grund, weiterhin Wale zu töten. Wir wissen, dass wir der Diskussion zu diesem Thema hier unter den Menschen den Weg geebnet haben. Manche sind aufgebracht, dass ein Pulk von Fremden in ihr Land gekommen ist, um ihnen zu sagen, „was sie zu tun hätten“. Diese Haltung ist durchaus nachvollziehbar, und jene Menschen mögen vielleicht gerade uns zum Trotz die Wale töten. Natürlich ist dies eine sehr unreife Sicht der Dinge, dennoch eine nicht minder tödliche.

Einige der Tötungswerkzeuge, die beim „Grind“ verwendet werden Foto: Sea Shepherd

Aber es gibt auch andere Bürger, die sich schließlich fragen, ob es wirklich notwendig ist, Wale zu töten. Manche fragen sich, ob sie im selben Licht gesehen werden möchten wie die Delfinkiller in Taiji, Japan. Potentielle Touristen und Handelspartner beobachten die Färöer-Inseln dahingehend, wie sich die Menschen dort entscheiden werden. Sea Shepherd wird darüber berichten. Es liegt in der Hand der färöischen Menschen, wie dieser Bericht aussehen wird.

Scott West auf den Färöer-Inseln
Operation Grindstop 2014
Sea Shepherd Conservation Society


Auf unserer Webseite Operation GrindStop 2014 findest du weitere Informationen.


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